Nicht zu früh und nicht zu spät…
Bei den meisten unserer Kleintierpatienten verwenden wir ein sogenanntes Rückatem- oder Kreissystem als Atemsystem an unserem Anästhesiegerät. Einer der großen Vorteile im Vergleich zum Nicht-Rückatemsystem ist der sparsame Verbrauch von Sauerstoff und Isofluran. Dieser wird ermöglicht, weil das ausgeatmete CO₂ durch den Atemkalk gebunden wird, so dass der Patient bei der nächsten Einatmung ein CO₂-freies Isofluran-/Sauerstoff-Gemisch einatmen kann.
„Wir wechseln den Atemkalk, wenn wir den Farbumschlag nach lila sehen.“
Auf der einen Seite verschwindet die lila Farbe (Bild 1) wieder, wenn der Atemkalk nicht mehr in Verwendung ist. Obwohl die Körner dann wieder weiß sind, können diese trotzdem kein CO₂ mehr binden. Das könnte eine falsche Sicherheit vermitteln. Auf der anderen Seite kann auch teilweise lila gefärbter Atemkalk noch ausreichend CO₂ binden. Diese Methode ist also ungenau.
ZIEL IST ES ALSO…
…den Atemkalk dann zu wechseln, wenn er noch weitestgehend funktionsfähig ist, aber auch nicht zu früh, um unnötige Verschwendung zu vermeiden!
Zu spät…
Ist der Atemkalk verbraucht, also vollständig mit CO₂ gesättigt oder ausgetrocknet, kann kein weiteres CO₂ mehr gebunden werden – dadurch kommt es zu einer Rückatmung von CO₂ durch den Patienten.
Zu früh…
Wechselt man den Atemkalk bevor er komplett verbraucht ist, ist das Verschwendung von ökologischen und ökonomischen Ressourcen.
Welche Funktion hat der CO₂ Absorberkalk?
In einem Rückatemsystem wird das vom Patienten ausgeatmete CO₂ über den Atemkalk aus dem System genommen. Er bindet das CO₂, damit der Patient wieder ein CO₂-freies Isofluran-/Sauerstoff-Gemisch einatmen kann.
„Bei uns in der Praxis wird der Atemkalk, unabhängig vom Farbumschlag, 1x in der Woche gewechselt.“
Wird der Atemkalk routinemäßig an einem bestimmten Wochentag gewechselt, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass er entweder bereits vollkommen funktionslos ist und schon kein CO₂ mehr binden kann oder, dass er viel zu früh gewechselt wird und noch viele Stunden funktionsfähig gewesen wäre. Diese Methode ist also nicht zielführend.
„Wir dokumentieren die Anästhesiezeit in Stunden und wechseln den Atemkalk nach einer bestimmten Stundenanzahl.“
CO₂ ist ein Stoffwechselprodukt der Zellen. Aus diesem Grund hängt die Menge des ausgeatmeten CO₂ von der Masse des Tieres ab (zum Beispiel atmet ein 50 kg schwerer Rottweiler wahrscheinlich rund 50x mehr CO₂ pro Stunde ab als ein 1 kg schwerer Chihuahua). Deshalb ist auch diese Methode nicht zielführend.
Wie kann ich also wirklich einschätzen, ob der Atemkalk verbraucht ist und gewechselt werden muss?
Die Kapnographie ist nach den 2025 veröffentlichten ACVAA Leitlinien zur Überwachung der Vitalparameter während der Anästhesie bei Hund und Katze eines der zur Grundausstattung gehörenden apparativen Überwachungsgeräte. Mit diesem Gerät wird der CO₂ Partialdruck sowohl während der Ausatmung (endtidal = etCO₂) als auch während der Einatmung (inspiratorische Fraktion = FiCO₂) gemessen. Ist der Atemkalk voll funktionsfähig (sowie das Anästhesiegerät fehlerfrei und der Totraum klein) wird das gemessene FiCO₂ minimal sein (Bild 2). Nimmt die Funktion des Atemkalks jedoch ab, wird FiCO₂ (sehr) langsam ansteigen (Bild 3). Dieser Anstieg des FiCO₂ ist der konkrete Hinweis, dass der Atemkalk verbraucht ist und gewechselt werden muss. Dieser Wechsel kann erfolgen, sobald der Patient nach Beendigung der Anästhesie vom Gerät abgehängt und der Sauerstofffluss sowie Verdampfer vom Isofluran/Sevofluran ausgeschaltet sind.
Der normale FiCO₂ Partialdruck liegt zwischen 0 und 3 mmHg. Auch ein etwas höherer FiCO₂ Partialdruck ist für den Patienten nicht schädlich, wenn dieser nicht zweistellige Werte über viele Stunden einatmet.
The American College of Veterinary Anesthesia and Analgesia Small Animal Anesthesia and Sedation Monitoring Guidelines 2025
Bailey K, Briley J, Duffee L, Duke-Novakovski T, Grubb T, Kruse-Elliott K, Love L, Martin-Flores M, McKune C, Oda A, Pang DSJ, Posner LP, Reed R, Sager J, Sakai DM, Schultz AW, Tenenbaum-Shih S.
Vet Anaesth Analg. 2025 Jul-Aug; 52 (4): 377-385
doi: 10.1016/j.vaa.2025.03.015.
Dank der großzügigen Unterstützung der Firma Rauberger Veterinärmedizintechnik steht dieser Beitrag kostenfrei zur Verfügung.